Alle der Großen Familien der Anirue führen ihre Stammbäume auf eines zurück: den Mord an einem rechtmäßigen Herrscher durch einen erfolgreichen Usurpator.“

 

 

Ein Kreis von schlichten Lampen trennten Sängerin und die hellen Gesichter der Betrachtenden voneinander.

 

Zwei weiße Vögel auf roter Seide lösten sich aus ihrem Haar, zwei Hände wie weiße Vögel bewegten das Bild vor ein Gesicht, das in seiner ruhigen Symmetrie kalt war. Sicher verborgen hinter dem Haarschmuck öffneten sich blass geschminkte Lippen, um einen ersten Ton passieren zu lassen.

 

Im Kehlkopf rührte sich ein schmerzvoller Klang, bitter und nahe der Dissonanz. Der Bruch der Töne schwoll mit ihrer Höhe an, die lauten Rufe zu den Zeilenenden hin waren splitterndes Glas. Die brechende Musik drang in Arme und Beine und von Marionettenfäden gelenkt tanzte die Sängerin zu ihrer eigenen Begleitung. Knie hoben Füße, Ellenbogen die Hände, der Haarschmuck bedrohte einer Waffe gleich die Zuhörer und die weißen Vögel flogen in schnellen Kreisen gegen den Wind und die Melodie.

 

Mit dem letzten Brechen der Stimme kehrte erneut Stille ein. Der Körper der Sängerin fand seine Ruhe wieder, die weißen Hände und die Vögel wanderten lautlos zurück vor das Schneegesicht.

 

Mit kleinen Schritten verließ die Sängerin den Lampenkreis und machte einer anderen Platz, die sich bereits erhob. Leise klopften Mädchenhände auf polierten Holzboden und taten ihre Anerkennung und stille Bewunderung kund, gaben Parakasha ihren zurückhaltenden Applaus.

 

Sie zwang sich, den Haarschmuck langsam und mit ungerührter Miene wieder in ihre aufgesteckten Strähnen zu setzen und die gelassene Haltung aufrechter Wachsamkeit einzunehmen, die alle ringsum imitierten.

 

Asharana neigte sich vor und der rote Hund ihres Haarschmucks trat in das Licht der Theaterlampen.

 

Es war perfekt“, wisperte sie in den Gesang von Parakashas Nachfolgerin hinein. Aber wirst du je über ihn hinwegkommen?“

 

Die Tagelöhner, deren durch helle Tücher geschützten Köpfe sich verwirrt drehten, wurden von einer Handvoll Reitern überholt. Selbst auf die Entfernung erkannte Kinasakr die hochgebundenen Haare und rot gefärbten Wangen.

 

Hastig stieg er halb, halb fiel er von der Mauer und zerriss seinen Ärmelsaum, der sich in einer der dornigen Wüstenpflanzen verfing. Aus dem Augenwinkel sah er Kitraa in den Garten spähen und winkte ihr rasch, zurückzuweichen. Schon hörte er die eisenbeschlagenen Hufe der Pferde, als er vor Umasarri trat, dessen Augen wieder geschlossen waren, und die Hände in den Ärmeln faltete.

 

Der Tempel ist Zuflucht“, versicherte er dem Aniri leise, der weiter regungslos im Sonnenlicht verharrte.

 

Das Tor zum äußeren Garten erlaubte jeweils nur einem Pferd Passage und so waren die Reiter gezwungen, die Tiere zu zügeln und sich zunächst vor der Mauer des Heiligtums zu sammeln. Ihre Speere hatten sie in die breiten Schlaufen der Steigbügel gestemmt, die linken Zügelhände waren mit Schilden bewehrt, auf denen sieben schwarze und ein roter Speer aufgemalt waren. Dunkle Augen musterten den Kirpriester aus schmalen Gesichtern, die mit der roten Färbung vom Kiefer hinauf zu den Wangenknochen und an den Schläfen noch höher und dünner wirkten.

 

Willkommen“, grüßte Kinasakr gefasst und neigte leicht das Haupt, die in den Ärmeln ineinanderliegenden Hände leicht erhoben, wie es in seiner Heimat Frauen und Priester pflegten. Aber bitte steigt ab.“

 

Der vorderste Reiter gab einen abschätzigen Laut von sich und trieb sein Pferd durch das Tor. Der Speer in seiner Hand neigte sich und kurz schien er für Kinasakr nur aus der Stahlspitze zu bestehen, bevor diese weiter sank und auf seinen Hals zielte.

 

Umasarri“, forderte der Aniri in scharfem Ton.

 

Dies“, gab Kinasakr mit erhobener Stimme zurück, ist ein Tempel der Zwillinge. Gemäß den Verträgen zwischen Haus Acht Speere, Haus Erster Schnee, Haus Weiße Blüte und Haus Drei Blätter und dem Geliebten der Götter habt ihr innerhalb dieser Mauern kein Recht, Waffen gegen irgend jemanden zu erheben. Vielmehr“, wies er sie zurecht, steht es unter schwerer Strafe. Zu eurem Glück bin ich ein wohlwollender Mensch.“

 

Der Aniri vor ihm schnaubte. Dann begann er zu Kinasakrs Verwirrung zu lachen und einige seiner Begleiter stimmten halbherzig mit ein.

 

Kahashatri Acht Speere hat die Verträge aufgehoben“, brach der Mann schließlich sein Gelächter ab und stieß zu.

 

Kinasakrs Hände bewegten sich von selbst in raschen Bögen mit der Kraft eines Mannes und der Grazie einer Frau, Ärmel flogen mit einem Peitschen wie von Fahnentuch der Bewegung hinterdrein und dann trafen Finger und Handflächen mit einem hellen, trockenen Klang aufeinander. Die Pferde schrien und bäumten sich gegen Zügel und das Gewicht auf ihren Rücken und Flüche erklangen. Der Anführer hingegen sah im Fallen nur fassungslos auf die Klinge seines Speeres, die ohne einen Tropfen Blut zu fordern zwischen den Händen des Priesters gefangen war.

 

Kaum dass die Kraft, die auf sie gewirkt hatte, Kinasakrs Hände losließ, begannen seine Finger zu zittern und er ließ den Speer fallen. Mit einem dumpfen Geräusch prallte das polierte Holz des Schaftes auf den staubigen Boden, dann stieß ein Pferd in Panik gegen seine Schulter und zertrat die Tintenflasche neben seinen Füßen, bevor es weiter in den äußeren Hof stürmte. Die Hufe traten nur eine Fingerbreit neben dem knienden Umasarri auf, dann setzte das Tier schon über einen Topf voll blassgrüner Gewächse.

 

Die Anirue kamen wieder auf die Beine und Kinasakr hob die Arme, stand immer noch zwischen ihnen und Umasarri. Er wagte es nicht, über die Schulter nach hinten zu blicken, aber er hörte leise Stoff über Stoff gleiten. Dies ist eine Zuflucht!“, rief er, und wem ich sie gewähre, der wird sie auch erhalten!“

 

Der Anführer der Krieger spuckte roten Speichel, hatte sich offenbar bei seinem Sturz auf die Zunge gebissen. Kinder verkriechen sich hinter Frauenröcken“, spie er leicht undeutlich. Oder Männern, die welche tragen.“ Er bückte sich und nahm den Speer auf. Feiglinge verstecken sich hinter Kirmauern“, schloss er und richtete die Waffe erneut auf den Priester.

 

Hinter Kinasakrs Schulter erklang ein Grollen und er wurde beiseite geschoben, fing sein Gleichgewicht mit zwei Schritten und wehenden Ärmeln ab. Während seinem ersten Schritt schlug Umasarri mit dem linken Unterarm den Speerschaft knapp hinter der Klinge zur Seite und abwärts und bewegte sich mit einer von den Fersen nach vorne gerichteten Kraft, die sich bei Kinasakrs zweitem Schritt auf die rechte Faust übertrug. Der Schlag traf direkt über dem Brustbein auf die feinen Bronzeschuppen des leichten Panzers und der Aniri verlor den festen Stand, wankte rückwärts. Während die rechte Hand des Priesters seinen knapp vermiedenen Sturz beendete und mit den Fingerspitzen kurz den Boden berührt, drehte Umasarri den Fuß und strebte in einer weiteren Bewegung voran, den linken Ellenbogen gegen den Kehlkopf des Gegners gehoben.

 

Beide fielen, während Kinasakr sich aufrichtete, aber der jüngere der Aniri presste ein Knie auf die Brust und einen Unterarm gegen den Hals des älteren.

Speere warfen Blitze aus gespiegeltem Sonnenlicht auf Mauern und Pflanzen, helle Rufe antworteten einander und Kinasakr stampfte auf.

 

Still!“, schrie er. Und Stille kehrte ein. Alle verharrten abwartend.

 

Alle bis auf die Tagelöhner, die mit gezückten Holzspaten die Strecke zum Tor gerannt waren und nur zu bereit schienen, den Tempel mit Werkzeug gegen Waffen zu verteidigen. Erneut änderte sich die Formation und nun belauerte jeder mindestens einen anderen. Der Mann am Boden tastete nach seinem Speer, aber Umasarris Grollen wurde lauter und der Druck des Armes stärker und unterband jegliche weitere Regung.

 

Keine Waffen!“, befahl Kinasakr scharf. Und auch keine Schaufeln“, fügte er hinzu.