Als das Ende der Welt kam, gab es keinen heroischen letzten Versuch, es aufzuhalten. Alle Helden waren mit anderen Dingen beschäftigt, vor allem mit einem Krieg, den die Menschen seit Jahrhunderten wenn nicht Jahrtausenden führten. Gut gegen Böse, Tag gegen Nacht, das war die Geschichte der Welt und sie stand kurz davor, ihre Erfüllung zu finden, als alles endete. Mit einem letzten Seufzen aus Millionen Kehlen und gelegentlichen Schreien starb die Menschheit. Vermutlich wäre es anders ausgegangen, wenn es mehr Historiker gegeben hätte oder zumindestens Altphilologen, aber so wie die Sache war, wurden die wirklich bedeutsamen Aufzeichnungen und Prophezeihungen nicht bedacht und alle mussten sterben.

 

In den meisten Fällen war es ein leiser Tod, die Menschen sackten einfach zusammen ohne Vorwarnung, als hätte ihre Lebenskraft schlicht woanders etwas Besseres zu tun, als ihren Körpern Herzschlag und Atem zu verleihen. Allein diejenigen, die ihr Leben der Magie gewidmet hatten und eigentlich die Meister über jedwege mystische und fremde Macht sein sollten, starben dramatischer. Die einen stiegen als Feuersäulen zum Himmel empor und Teile ihres brennenden Fleisches regneten im weiten Umkreis herab, anderen wucherten die Knochen nach außen durch die Haut und nach innen durch Herz und Hirn, manche zerflossen aber schlicht zu Wasser und hinterließen nichts als einen feuchten Fleck auf dem Grund.

 

Aber egal wie sie starben, ob still oder spektakulär, tot waren sie alle.

 

Bis auf Yako.

 

 

Nach der geleisteten Unterschrift setzten sie sich an die Kochstelle und kamen sich beide etwas verloren vor. Die anderen waren in ihre jeweiligen Zelte verschwunden und allein Ven-Ral war noch zu sehen, weil er die vordere Klappe hochgebunden hatte. Feldbett und Sattel sowie eine kleine Kiste waren seine einzigen Habseligkeiten und auf dem kargen Bett lag er und las mit der Miene eines entspannten beruflichen Sohnes, der keine Sorgen hatte außer der Entwicklung der Erzählung, der er sich gerade halbherzig widmete.

 

„Und jetzt?“, fragte Yako. Aldamar zuckte die Schultern.

 

„Jetzt sind wir bei anderen Menschen. Sogar Militär.“

 

„Gut. Und was machenwir jetzt?“

 

Der Tagesreichler malte mit dem Finger ein paar Linien in den Staub und sah nicht auf. „Warum sollen wir den etwas machen?“

 

„Willst du einfach hier sitzen? Gar nichts tun?“

 

„Ich hätte gerne auch ein eigenes Zelt.“

 

„Und dann?“

 

„Was und dann?“

 

„Worauf willst du warten?!“, fragte Yako in schärferem Ton als vielleicht angemessen. „Was soll denn passieren?“

 

„Ich habe hier nicht das Sagen“, gab Aldamar giftig zurück und begegnete endlich Yakos Blick. „Als einfacher Gefreiter kann ich kaum irgendwas entscheiden, oder?“

 

„Tolle Ausrede!“

 

Sie schwiegen.

 

Ven-Rals Buch schnappt mit einem satten Geräusch zu und der Kavallerist richtete sich aus dem Liegen in einer Bewegung zum Sitzen auf, die eigentlich nur Marionetten möglich sein sollte. Mit einem Zeigefinger massierte er die senkrechten Falten zwischen seinen Augenbrauen, als hätte er Kopfschmerzen.

„Also gut“, sagte er schicksalsergeben. „Wo wart ihr, als es passiert ist?“

 

„Vor den Toren des Festungsberges“, antwortete Aldamar ohne auch nur richtig Atem zu schöpfen. „Mitten in der Ansprache von Hochgeneral Lichtbringer und dann macht er den Mund auf und mitten drin fällt er einfach vom Pferd und dann fallen alle anderen und als ich mich umsehe, da brennt es bei den Magierzelten und oben auf dem Festungsberg auch und keiner sagt irgend etwas, alle schreien nur... Das ging ganz schnell und am Ende standen nur noch ich und ein paar andere mitten zwischen den Leuten, die umgekippt sind.“

 

Er nickte hinter seinen letzten Worten her und blickte auf einen Punkt irgendwo zwischen seinen Stiefelspitzen. Ven-Rals Blick wanderte zu Yako und der zuckte mit den Achseln.

 

„Ich war im Verlies des Festungsberges. Da schreien eh die meiste Zeit irgendwelche Menschen und kurz wurde es lauter, dann war alles still. Das ist alles.“

 

„Im Verlies, ja, dein Freund erwähnte das ja. Sicher eine spannende Geschichte.“

 

„Ja“, sagte Yako und führte das nicht weiter aus. Ven-Ral gab seinen neugierigen Blick nach einem Moment auf und seufzte.

 

„Mein Pferd ist explodiert“, sagte er leichthin und öffnete wieder sein Buch. „Als ich aufgewacht bin, war alles vorbei.“