Manradyade - die Roten Augen

In Selwe ist ihr Anblick selten geworden: Die Rotaugen meiden ihren Mutterstaat immer mehr, seit ihre Methoden den Missfallen der modernen Regierung erregt haben. Auf Reisen im Meer der Brücken findet man sie jedoch überall dort, wo die Rekrutierungsbüros Söldner anheuern und auf die südlichen Inseln schicken, um wieder ein bisschen Land gegen die Sviyinne zu verteidigen oder ihnen abzunehmen. Dort stehen sie Stunden vor den Regierungsgebäuden, reglos wie Statuen und perfekt aufrecht und nur die roten Augen in ihren Gesichtern bewegen sich.

 

Früher jedoch habe ich oft genug Angehörige dieses Ordens begleiten müssen, wenn sie als Verbrecher verurteilt wurden oder nicht schnell genug an ihren Wunden starben. Selten war ich dankbarer für die Litanei des Spiegels, denn hätte ich als Mensch vor ihnen gesessen, wäre mir das Leben darauf zu bitter geworden.

 

Die Manradyade bestehen nur aus Männern und sie heiraten niemals. Selbst wenn sie Kinder zeugen sollten, so erkennen sie sie nicht an. Stattdessen suchen sie Waisen oder kaufen entführte Kinder und ziehen sie zu ihren Nachfolgern heran. Ihre Schule ist harsch, Schwäche wird hart bestraft und Brutalität wird zum Alltag. Nach nur wenigen Jahren sind die Kinder zu ebenso kalten und tödlichen Männern geworden wie ihre Ziehväter und nicht wenige töten diese, um eigenständig werden zu können – unter den Rotaugen eine anerkannte Zeremonie des Erwachsenwerdens.

 

Ich habe einmal bei einem Jungen gesessen, der seinen Vater vor Zeugen erschlagen hatte und so vor Gericht gekommen war. Als Mörder wartete er auf seine Hinrichtung und die Wärter riefen nach dem Tempel, um sein Zerbrechen zu Beschwichtigen. Ich tat meine Arbeit und erfuhr, dass er den älteren Manradyath umgebracht hatte, um seinen jüngeren Ziehbruder vor der brutalen Ausbildung zu beschützen. Er bereute nichts und damit wäre meine Aufgabe erledigt gewesen.

Dennoch konnte ich die Freude nicht unterdrücken, als ich von seiner erfolgreichen Flucht hörte. Ist es falsch, dass ich einem Vatermörder Glück und Segen wünsche?

 

Auch ich bereue nichts. Manche sagen, mit den Manradyade verschwinde ein weiteres Stück amaTheranischer Tradition, aber ich behaupte, nicht jedes Stück unserer Vergangenheit ist bewahrenswert. Je weniger Kinder in den Krieg ziehen müssen, weil dies seit Jahrhunderten so üblich ist, desto ruhiger werden wir alle träumen.