Nilikahi - die Seelenstellvertreter der Awalaqani

Während meiner Zeit am Tempel in Achera hatte ich das zweifelhafte Privileg als Beichtspiegel für einige hochrangige Politiker und Spione des Kaisers zu arbeiten. Einer von ihnen ereiferte sich so lange über die bizarren Riten der Awalaqani, dass ich bald selbst Kontakt mit einem der Gesandten der rothaarigen Piraten aufnahm. Dass menschliche Seelen in Schweinen leben sollen klang für meine Priesterohren ausreichend seltsam, um Tage und Wochen meine Neugierde wachsen zu lassen.

 

Missara Kana, eine adelige Dame, empfing mich tatsächlich nach einer unverbindlichen Anfrage sofort und konnte ihre eigene Neugierde nicht verhehlen. Offenbar scheint den Awalaqani die Vorstellung eines Priesters, der sich die Sorgen der Menschen anhört um die Seelen auf den Tod vorzubereiten, ebenso absurd wie mir menschliche Schweine. Als ich jedoch in ihren Empfangsraum kam und sie dort gemeinsam mit einer älteren Dame in schlichtem Gewand saß rutschte mir eine andere Frage von der Zunge.

 

Die Adeligen der Awalaqani haben immer eine zweite, nicht adelige Person dabei, selbst wenn es sich um vertrauliche Gespräche handelt. Wenn es ein Wächter wäre, würden ich und der von den Piratenbräuchen besessene Politiker das durchaus verstehen, aber meistens sind es ruhige und unbewaffnete ältere Leute, die gelassen einen Tee im Hintergrund trinken.

 

Angesprochen auf die Dame neben ihr begann die Hohe Frau Kana laut zu lachen und ließ uns ein Getränk bringen, dass sie als Palmblut bezeichnen und das ich niemandem mit schwachem Magen empfehlen will. Im zunehmenden alkoholischen Nebel des Abends tauschten wir uns über Bräuche, Götter und Tempel aus und Kana sowie ihre Begleiterin Hasaredda erklärten mir, was es mit den Nilikahi auf sich hat.

 

Die Awalaqani glauben, dass in ihren Körpern zwei verschiedene Seelen wohnen, ganz wie wir – auch wenn sie ihnen bizarre Namen geben wie Winnay-Walak und Iwanaq. Auch geben sie ihnen verschiedene Aufgaben und ja, nach dem Tod kann sich zuweilen ein solcher Teil in ein Schwein verirren. Sagen sie.

 

Wichtiger ist jedoch, dass diese Seelen auch zu Lebzeiten Schaden nehmen können, wenn man das falsche isst, sich kriegerisch betätigt oder mit Nicht-Awalaqani zusammen speist. Die meisten haben das einfach hinzunehmen, Adelige hingegen bezahlen Nilikahi – was wohl nur Stellvertreter in ihrer anstrengenden Sprache bedeutet - die dank eines komplexen Rituals angeblich all diese Schäden an der Seele auf sich nehmen und so ihren Gönner beschützen. Oftmals sind so wohl Adelsfamilien und solche der Nilikahi über Generationen miteinander verknüpft.

 

Ich versuchte, Kana und Hasaredda zu erklären, dass meine Aufgabe ähnlich sei, aber die meiste Zeit haben die beiden nur amüsierte Blicke getauscht und nachgeschenkt. Am Ende waren wir uns nur bei einem einig: Ihr Palmblut schadet nicht nur Seelen, sondern deutlich auch dem Körper. Dennoch war es eine der unterhaltsamsten Nächte meiner ganzen Zeit in Achera und die lockere Freundschaft zwischen mir und der Gesandten sowie ihrer Nilikahi hat mir mit der Zeit noch einige Einblicke in das Denken der Rotschöpfe gegeben.