Ankasade - die Torwächter

Gestern schlossen sich vier Ankasade unserer Reisegruppe an. Sie stammten deutlich aus verschiedensten Regionen des Reiches, einer hatte sogar die roten Haare eines Awalaqani oder anderen Erstgeborenen, und anders als viele religiöse Orden tragen die Torwächter keine einheitliche Bekleidung. Dennoch war ihre Zusammengehörigkeit sofort spürbar, die Schlichtheit ihres Auftretens, die stille Höflichkeit und die Ruhe in ihren Bewegungen setzten sie angenehm von den lauten und fluchenden Rindertreibern ab.

 

Wie viele Csendramaari bin ich mit der Einstellung aufgewachsen, dass der Gott der Stadtmauern, Porokaan, uns vor Jahrhunderten verraten hat und seither mehr als überflüssig für unser Leben ist. Ich fürchte, meine Landsleute sind ausgesprochen nachtragend. Damit waren auch die Ankasade als seine Diener selten wirklich willkommen in der Stadt der Tausend Seen.

 

Alle kleineren Orte jedoch waren immer dankbar für die Anwesenheit der ‚Verteidiger der Opfer‘ wie sie landläufig genannt wurden. Nur mit einem kurzen Holzstab bewaffnet wirken sie nicht so gefährlich wie die meisten Lehnschwerter, ihre Preise sind vernünftig und sie arbeiten immer für die Angegriffenen. Es ist schwer, so wirklich unbeliebt zu sein – außer eben bei Csendramaari und der amaTheranischen Armee, deren Einheitsbemühungen die Torwächter über Jahrhunderte behindert haben. Wann immer eine Stadt belagert wurde, fand man die ursprünglichen Ankasade auf den Befestigungen, wo sie als Söldner, Architekten und Generäle ihr Bestes taten, um die Stadtmauern zu schützen.

 

Heutzutage ist Porokaan ein Gott, dem das Vergessen droht, und deswegen werden auch alle Varianten der Ankasade immer seltener. Der Einigungskrieg ist im Grunde zu Ende und im stets nervösen Kunushwail gibt es keine Torwächter. Überhaupt fällt es den meisten inzwischen schwer nachzuvollziehen wie ein Gott Stadtmauern zum Heiligtum erklären kann. Jeder theranische Staat hat irgendwann gegen Porokaan gefrevelt, denn ohne Belagerungen, ohne Angriffe auf die Befestigungen kam man selten durch einen der zahlreichen Kriege der letzten Jahrhunderte.

 

Aber eben dies war der Grund, warum der Kult des Porokaan Zuwachs erhielt und die Ankasade entstanden. Ihre Gründungslegende besagt, dass die ersten Priester nur die Türen der Tempel beschützten. Während der Belagerung von Talacsun allerdings ertrugen sie das Leid der Bevölkerung nicht mehr und begaben sich zum Tor der Stadt, wo sie – mit der Hilfe ihres Gottes – ohne Waffen so viele der Belagerer herausforderten und besiegten, dass der beeindruckte General die Belagerung beenden ließ.

 

Talacsun existiert nicht mehr und auch die Zeit der Ankasade geht vorbei. Die Söldner, die uns begleitet haben, schienen in ihrem Schicksal jedoch gelassen. Jeden Morgen üben sie sich vor dem Aufbruch in ihren körperlichen Ertüchtigungen und Gebeten und Ruhe überkommt mich jedes Mal, wenn ich sie dabei beobachte. In Ayatalna werden sie uns allerdings verlassen, dort residiert der General des Ordens.

 

Bevor ich es vergesse will ich noch notieren, dass diese Ankasade nur einer der noch existierenden Teile des ursprünglichen Kultes ist. Als der letzte allumfassende General vor über zwei Jahrhunderten starb und die Kirche sich zerstreute, sind die reisenden Ankasade entstanden, aber auch die Stadtwache von Aracii und die Baumeister von Ichera gehören ursprünglich zur Gefolgschaft des Porokaan und verehren ihn immer noch, allerdings in anderer Form. Ich hoffe Gelegenheit zu haben, wenigstens die Baumeister noch am Ende des Jahres zu treffen, wenn ich zum Fest der Asche in die Hauptstadt reisen werde.