Traum und lemna

Am Anfang war nur das Unbeständige. Diese Annahme wird von amaTheranischen Philosophen so festgehalten, in paraphrasierter oder in Lyrik verborgener Version findet sich diese Aussage auf der ganzen Sphäre immer wieder.

 

Am Anfang war ein Zustand des Seins, der keine lineare Zeit kannte sondern nur eine Abfolge kurzer Zeitabschnitte, deren Länge bei unter 5,39124 · 10−44 s liegt. Innerhalb dieser Zeitabschnitte herrscht Gleichförmigkeit, aber keine Linearität, jeder Zeitabschnitt kann sich jedoch vom vorangehenden in jeglicher Hinsicht unterscheiden. Die einzige Regel scheint zu sein, dass zwei aufeinanderfolgende Zeitabschnitte in keiner Hinsicht identisch sein dürfen.

 

In diesem Zustand des Unbeständigen bildete sich Stück für Stück das Universum durch Streuung von Wahrscheinlichkeiten und Bildung von Wahrscheinlichkeitsclustern. Angefangen mit Elementarteilchen über komplexere Materie bis hin zu Molekülen wurden die Grundsteine der Existenz gelegt. Offenbar gibt es hier jedoch eine Grundannahme eines gesamten Universums, das jeweils auf denselben Gesetzen beruht, jedoch andere Verteilung von Materie aufweist.

 

Im Folgenden trat ein Trend auf, der von amaTheranern 'das Lebensstreben' genannt wird. Das Universum fokussierte sich auf die Möglichkeiten einer Welt, die die Voraussetzung für lebende Materie bildet. Zwar schwankt der Gesamtaufbau des Universums weiterhin unterhalb der Planck-Zeit, jedoch bleibt in allen Fällen die Existenz eines Planeten mit allen Voraussetzungen für längerfristig geschütztes Leben eine weitere Grundkonstante des Gesamtkosmos'.

 

Die Wahrscheinlichkeitscluster des Lebens beginnen mit einer ersten Zelle, jedoch entwickeln sich schnell Schwerpunkte und diese emanzipieren sich als einzelne Individuen. Aus autotrophen Einzellern gehen heterotrophe hervor, bald entwickeln sich die drei Reiche - Pflanze, Pilz und Tier - als Mehrzeller und von da an gehen Generationen von neuen 'Individuen' aus den umfassenden Vorgängerindividuen hervor. Aus 'tierischer Mehrzeller' wird durch Ausgliederung von Wahrscheinlichkeitsclustern eine Gruppe, die die Ahnen der späteren Stämme umfassen.

 

So setzte sich die Entwicklung weiter fort und kann, genau wie in einer theoretischen Darstellung der Evolution auf unserer Erde, am besten in einem Kladogramm festgehalten werden.

Intelligenzen des Unbeständigen und Selbstbeeinflussung

Die Evolution, in der Individuen immer weiter entfernte Schwerpunkte in ihren wahrscheinlichen Erscheinungen ausbildeten, die schließlich eigene Individuen wurden, führte schlussendlich zu intelligenten Primaten.

 

Diese Wesenheiten waren in der Lage, ihre eigene Existenz und Entwicklungsmöglichkeiten zu begreifen. In der Folge nahmen sie gezielt Einfluss auf ihre möglichen Existenzvarianten und bildeten neue Cluster aus, ohne diese abzuspalten. Im Grunde beendeten sie so die Evolution für ihre Entwicklungslinie und konnten in sich selbst Neuschöpfung betreiben.

 

Das heißt, dass ursprünglich nur als intelligente Primaten existierende Wesenheiten sich selbst neue Wahrscheinlichkeitcluster gaben und nahezu unendliche Möglichkeiten des Seins für sich ausloteten. Sogar die Wahrscheinlichkeiten anderer Wesenheiten und des Kosmos' an sich veränderten sie als reine Übung. Schlussendlich blieb nur ein einziges Feld unveränderlich: der ewige Wechsel der Seinszustände.

 

Diese Grenze konnte nur durch eine Handlung überwunden werden, die als Halb-Sterben bezeichnet wird. Sich selbst bewusste Wesenheiten des Unbeständigen können sich willentlich entscheiden, ihre Existenz als Vielzahl von möglichen Zuständen zu beenden. Als Ergebnis entstand eine neue Form des Seins: das Beständige.

 

In dieser Welt schreitet die Zeit kontinuierlich voran, alle Lebewesen haben nur eine Existenz und diese ist nur einem schleichenden zeitlichen Wandel unterworfen. Aus jedem möglichen Seinszustand wurd ein einzelnes Individuum, aus einem Wesen des Traums eine ganze Art oder zumindestens Metapopulation. Im gleichen Vorgang wurden ein möglicher Zustand des Kosmos sowie zahlreiche andere Lebewesen mitgezogen und komplettierten diese neue Welt zu einem funktionierenden Ganzen.

 

Die meisten Philosophen amaTheras gehen davon aus, dass die Welt in der sie leben das Ergebnis dieses Vorganges ist und dass der Zeitpunkt des Halb-Sterbens irgendwann vor den ersten nachvollziehbaren Kulturäußerungen des Menschen anzusiedeln ist.

 

Einige Erzählungen, Mythen und Theorien auf der ganzen Sphäre besagen jedoch, dass es eine solche Welt vor derjenigen gab, in der man sich bewegt. Aus Gründen jedoch, die unter dem Kapitel 'Leere' geschildert werden, entfernte sich diese erste Beständige Welt vom Traum und drohte die gesamte Schöpfung mit beiden Welten zu vernichten. Um diese Gefahr zu bannen wurde die zweite Beständige Welt erschaffen und ein Abdriften vom Traum zu verhindern ist die Grundaufgabe aller Lebewesen in ihr.

 

Denn Lebewesen binden die Beständige Welt an den Traum, da jedes von ihnen - zumindest laut den amaTheranern - ein lemna besitzt. Obwohl sie Wesen der Beständigen Welt sind befindet sich ein Teil von ihnen noch in der Unbeständigen Welt. Dieser Teil befähigt ein Wesen, je nachdem wie komplex er ist, zu Emotionen und Träumen.

Träumen und Lemnie

Träumen ist - der amaTheranischen Philosophie nach - ein Vorgang, bei dem ein Lebewesen sich auf sein lemna konzentriert. Eindrücke aus der Unbeständigen Welt inklusive der dort noch existierenden Bewohner werden mit einer Art Filter aus Erinnerungen und Kategorien überlagert, der für jeden Menschen im Detail einzigartig, ansonsten in Gründzügen aber ähnlich ist.

 

Die menschliche Art und Weise, etwas zu verstehen, ist mit dem Traum nicht direkt kompatibel. Den kontinuierlichen Wechsel der Zustände der gesamten Welt und aller Dinge und Wesen in ihr sprengt die Wahrnehmungsfähigkeit. Menschen nehmen den Traum als etwas Kontinuierliches dar, obwohl er das im Grunde nicht ist, und gleichen ihn in seiner Erscheinung an die ihnen bekannte Welt an.

 

Normalerweise ist die Unbeständige Welt etwas, das nur passiv wahrgenommen werden kann. Einige wenige Individuen - maximal 1% der Bevölkerung - sind in der Lage, luzid zu träumen und ihre Bewegung im Traum gezielt zu steuern, während sie sich der Tatsache bewusst sind, dass es sich um einen Traum handelt.

 

Diese Personen werden Traumwanderer oder kurz Wanderer genannt. Sie sind neben dieser Begabung zum luziden Träumen auch dazu fähig, im wachen Zustand ihr lemna in der Unbeständigen Welt zu lokalisieren. Die Tatsache, dass manche Menschen diese Fähigkeit haben, hat bei den Wesenheiten des Traumes den Anstoß für eine Art gigantisches Ingenieursprodukt geliefert.

 

Bestimmte Zonen des Traumes sind derartig gestaltet, dass wenn das lemna eines Wanderers dort verweilt, es bestimmte und übernatürlich erscheinende Wirkkräfte aus dem Traum in die Sphäre überträgt. Für gewöhnlich werden Wanderer mit Affinitäten zu einer dieser künstlich angelegten Regionen geboren und können ihr lemna mit etwas Übung auch zu einer Handvoll anderer sogenannter 'Pfade' versetzen. Es ist jedoch nie jemand bekannt geworden, der tatsächlich alle Pfade verwenden konnte.

 

Mehr zu dieser Technik, der Lemnie, gibt es im dazu gehörenden Kapitel.