Anirue

Bevölkerungsgruppe auf dem Kontinent Aithwa, die sich im Groben in zwei Teile trennen lässt: die kontinentalen Anirue und die Inselanirue. Vor fast zweitausend Jahren wanderten die Anirue aus Zentralaithwa bis an die Ostküste und setzten von dort aus auch zu den vorgelagerten Inseln über. Der indigenen Bevölkerung militärisch überlegen setzten sie sich schnell durch und stellen heute die Hauptbevölkerung der Inseln und einen hohen Anteil an der Ostküste.

 

Der Herrscher über die Inseln gilt als Herrscher über alle Anirue, auch die auf dem Festland, jedoch wird seine Macht dort in erster Linie freiwillig und nur formell anerkannt, während er auf den Inseln uneingeschränkte Macht hat. Üblicherweise können nur Männer den Herrschertitel erben, es herrscht jedoch keine Primogenitur sondern eine Wahl des amtierenden Herrschers. Dieser gibt jeden Tag aufs Neue an, welchen seiner Söhne er als Nachfolger bevorzugt. Tatsächlich kamen in der gesamten Geschichte der Anirue selten die ausgewählten Söhne auf Dauer zum Herrschen, denn der Brudermord ist ein anerkanntes Mittel, sich den Herrschertitel anzueignen. Auch der Wechsel einer Dynastie durch Krieg oder Attentat gilt als korrekte Methode und daher befinden sich die Insel-Anirue in einem fast permanenten Zustand des Bürgerkriegs.

Einleitung

Die Anirue sind entstanden, damit ich eine Geschichte um Personen erzählen konnte, die sich selbst und ihrer Menschlichkeit sehr fern sind und so beides nur sehr mühsam entdecken können. Daher entwarf ich einen Adel, der sich gegenüber allen anderen Personen sehr distanziert verhält: sie reden fast nicht, sie setzen sich nie hin, sie zeigen keine Gefühlsregung und sie müssen einen komplexen und rigorosen Verhaltenskodex erfüllen.

 

Ich habe bis heute sehr viel Spaß mit meinen Charakteren unter den Anirue und alle paar Monate erhält die Biographie des Herrschers Umasarri Acht Speere 'In eine helle Flamme' ein paar neue Seiten. Das Hauptthema ist sicherlich, dass die ritualisierte Gefühlskälte des Anirue-Adels extrem ungesund ist, aber regelmäßig schwanke ich, wie bitter die gesamte Geschichte ausfallen soll. Auf jeden Fall sollen die Anirue insgesamt, nicht nur ihr Adel, eine stolze, harte und kriegerische Gesellschaft sein, für die Gewalt ein selbstverständlicher Teil der Welt und des Lebens ist.

Visueller Eindruck

Die Anirue sind im Schnitt hochgewachsene Leute, nahe am mitteleuropäischen Durchschnitt, und haben einen blassen, zuweilen leicht gelblich erscheinenden Teint. Die Haarfarben sind in der Regel dunkel, eine dunkles braun bis schwarz, und die meisten Anirue haben sehr dichtes Haar, das sehr lang werden kann, Glatzen treten selbst bei Männern selten auf.

 

Männer wie Frauen tragen das Haar in der Regel lang, aber meist zu einem Pferdeschwanz zusammen gefasst, der mit Seidenbändern gehalten wird und je nach Situation und Rolle der Person locker im Nacken hängt oder hoch am Schädel angesetzt ist.

 

Männer rasieren sich den Nacken, die Schläfen und die Seiten des Schädels und färben die so freigelegten Hautpartien sowie den Kiefer und die Seiten der Stirn mit Henna rot. Dadurch wirken ihre ohnehin schmalen Gesichter noch schärfer und dünner, ein Eindruck, der bei den Anirue als edel, männlich und kriegerisch empfunden wird.

 

Die Menge und Art der Bekleidung wechselt bei Anirue stark sowohl im Jahreslauf, der schwül-heiße Sommer und schneereiche kalte Winder kennt, als auch nach dem Anlass. In der winterlichen Hofhaltung des Adels tragen Männer wie Frauen mehrere Schichten langer Gewänder aus gefütterter Seide mit weit ausladenden Ärmeln und hohen Krägen, im Sommer kleiden sich männliche Angehörige des Militärs oftmals nur in knielangen Pumphosen, vor allem bei Duellen.

 

In jeder Situation existiert jedoch ein dezenter Farben-Code, der angepasst an die Jahreszeiten dezent mitteilt, ob eine Person verliebt ist, Hass auf jemanden hegt, Einsamkeit wünscht oder ein ganzes Spektrum anderer Emotionen, die offen zu zeigen verpönt ist.

 

Die Zugehörigkeit zu den Großen Familien des Anirue-Adels und auch zu Kleinen Familien des einfachen Volkes wird bei Frauen durch Haarschmuck deutlich gemacht, der am Hinterkopf festgesteckt wird und eine Art kleinen Fächer mit dem Symbol der Familie darstellt. Männer hingegen tragen entweder ihren Schild bei sich, der ebenfalls das Symbol trägt, oder ansonsten Zierbänder an den Oberarmen mit derselben Verzierung.

Weltanschauung

Das Weltbild der Anirue ist extrem ethnozentrisch, sie halten sich für die fähigste und für das Herrschen und den Krieg am besten geeignete Gruppierung der Welt, alle anderen Kulturen und Ethnien werden im besten Falle herablassend, im schlechtesten mit offenem Hohn behandelt. Die gesamte Welt ist in ihrer Sicht nur eine Schöpfung, um ihnen eine Heimat zu bieten, und alle anderen Menschen ein unabsichtliches Nebenprodukt dieses Vorganges.

 

Generell gehen die Anirue in ihren Mythen und Erzählungen davon aus, dass zu Beginn der Schöpfung übermenschliche, göttliche Wesen existierten, bei denen jede Generation die vorangehende auslöschte und ablöste. Schließlich ging das Erbe an zwei Brüder, Taraukapi und Assapanari, von denen Taraukapi der Ältere war und Herrscher werden sollte. Assapanari entschied jedoch, dass er der Fähigere war, und erschlug seinen Bruder. Als er über der Leiche stand erkannte er jedoch, dass er keine weitere Generation von Göttern würde erschaffen können, und vermengte stattdessen seinen Samen mit der Leiche seines Bruders und schuf die Welt und schließlich die Menschen, wobei die Anirue nach seinem Abbild geschaffen wurden und alle andere Menschen als 'kriechende blinde Wesen' von alleine aus dem toten Körper krochen.

 

Anirue glauben, dass ihr Leben immer denen geschuldet ist, die es durch ein eigenes Opfer ermöglicht haben. Ein Leben und eine Identität kann man nur haben, wenn sie von anderen Menschen, am besten von hohem Status, als wichtig genug für ein eigenes Opfer angesehen wurde. Jeder Anirue kennt so eine lange Liste von Personen, die seine oder ihre Existenz erst ermöglicht haben, indem sie jemandem das Leben auf Kosten ihres eigenen retteten oder ähnliche Opfer brachten. Am Anfang jeder dieser Ketten steht jedoch immer Assapanari, der seinen eigenen Bruder erschlug, um die Menschen zu erschaffen. In der Regel haben adelige Personen eine sehr viel längere Liste solcher Lebensträger, da gewaltsame Tode, Fehden und Morde in ihren kreisen weit häufiger sind als unter der einfachen Bevölkerung und sie somit auch sehr viel mehr potentielle Opfer in dieser Liste ansammeln können.

 

Nach dem Tod, so glauben die Anirue, vergeht eine Person vollständig es sei denn sie befindet sich in einer solchen Liste von Lebensträgern, dann wird sie durch die Erinnerung erhalten und existieren in gewisser Weise in Form von den denjenigen weiter, deren Leben sie ermöglicht haben. Für eine Generation ist das immer der Fall, da Kinder verpflichtet sind beim Tod ihrer Eltern diese für sich persönlich als Lebensträger zu nennen. Auf den Inseln wird dies dadurch dargestellt, dass das Kind eines Verstorbenen sich die Liste alle Lebensträger vom Elternteil an bis zu Assapanari auf die Haut schreiben lässt und so zu einer Art lebender Liste wird, bis die Tusche abgewaschen ist.

 

Außer Assapanari kennen die Anirue praktisch keine Gottheit, die Götter vor den beiden letzten Brüdern werden höchstens als Beispiele für Macht genannt und man flucht zuweilen in ihrem Namen, sie werden jedoch nicht verehrt. Stattdessen gibt es Heroen aus der möglicherweise auch nur fiktiven Geschichte der Anirue, die als Lebensträger angerufen und um Hilfe gebeten werden können - allerdings ist das Gebet um Hilfe im Adel verpönt, da großes Gewicht auf das Bewältigen aller Schwierigkeiten durch eigene Kraft gelegt wird.