Nachtrufer

Nachtrufer oder besser 'nächtliche Schreier' - Apranatskajukeh - nennen die Cojocalawpeh auf dem Kontinent Achurca die dort beheimatete Spätmenschenart. Die Nachtrufer sind nicht zur Bastardisierung mit Homo sapiens lemnicus fähig und leben auch generell getrennt von den 'echten Menschen'.

 

Ihr Name bezieht sich auf die Paarungszeit, in der Männchen der Nachtrufer oftmals weite Strecken zurücklegen und ihre natürliche Scheu verlieren, so dass sie in die Nähe menschlicher Siedlungen kommen. Ihre melancholisch klingenden, langgezogenen Rufe, die sie auf der Suche nach Partnerinnen ausstoßen, gehören fest zum Gruselmärchenrepertoire der Cojocalawpeh und die Schäden, die manche Männchen in der Brunst tobend auf Plantagen anrichten, legen ein sehr viel größeres und unheimlicheres Wesen nahe, als es ein Nachtrufer tatsächlich ist.

Visueller Eindruck

Nachtrufer sehen von allen Spätmenschen am wenigsten 'menschlich' aus. Ihre Statur weist sehr kurze Beine unter einem gedrungenen Rumpf auf und im Gegenzug lange, kräftige Arme. Sie können ebenso bequem auf allen Vieren wie nur auf den Hinterbeinen gehen, ausgelassene Kinder laufen auch gerne nur auf den Händen. Diese sind nicht ganz so geschickt wie die von Menschen, haben aber opponierbare Daumen, die an den Füßen noch einmal auftreten.

 

Ihre Gesichter haben flache Nasen und große Augen mit einer fast den gesamten sichtbaren Teil ausfüllenden, dunkelbraunen Iris. Ihre Haut ist hellbraun und mit Ausnahme des Gesichtes und der Hände und Füße mit einem feinen, ocker und dunkelbraun gescheckten Pelz bedeckt.

 

Nachtrufer fertigen generell keine Kleidung, höchstens flechten sie aus gezupften Palmblattfasern Bänder und Riemchen, an denen sie kuriose Gegenstände und einfache Werkzeuge tragen.

 

Männchen sind weit größer als Weibchen und sehr viel muskulöser, an den Gesichtern kann ein Mensch ihr Geschlecht jedoch nicht unterscheiden.

Kultur

Das Feld Kultur ist bei Nachtrufern schwer zu behandeln. Ihr IQ ist der geringste von allen Spätmenschenarten, sie besitzen nur eine rudimentäre Sprache und ein immer gleiches Sozialleben.

 

Auffällig an ihnen ist in der Hinsicht vor allem die Abwesenheit des Bewusstseins um den eigenen Tod. Nachtrufer kennen das Konzept des Sterbens nicht und alle verblichenen Gruppenmitglieder sind in ihrem Denken noch da, nur gerade in diesem Moment nicht. In ihrem Gehirn liegt praktisch eine fehlerhafte oder besser andere Verarbeitung vor. Sie kennen keine wirkliche lineare Zeit sondern nur ein Jetzt und ein weites Feld an Ehemals. Daher ist es für sie auch unwichtig, wann genau sie jemanden zuletzt gesehen haben oder wann etwas passiert ist. Dementsprechend ist ihr Gedächtnis auf die einzelnen Erinnerungen bezogen und vor allem was Personen angeht extrem gut, es hat nur keine zeitliche Anordnung, die über ein sehr grobes 'gerade eben' - 'heute morgen' - 'gestern' hinausgeht.

 

Die Fähigkeit, Personen zu erkennen und wiederzuerkennen ist dabei vor allem an den Geruch gekoppelt. Nachtrufer haben einen ausgezeichneten Geruchssinn und vor allem können sie Pheromone bewusst wahrnehmen. Möglicherweise ist diese Fähigkeit, die chemischen Signale des Gegenüber wahrzunehmen, auch der Grund für die geringe Entwicklung ihrer Sprache: sie kennen die Lüge nicht.

 

Im Gegenzug sind die Augen der Nachtrufer sehr schwach und vor allem auf Farbsehen ausgelegt, auch wenn sie eine gute farbreduzierte Nachtsicht besitzen. Der wichtigste Sinn, um Individuen zu unterscheiden, ist daher der Geruchssinn und nicht das Sehen. Insbesondere die einzigartige Pheromonsignatur macht eine Person für die Nachtrufer aus.

 

Beim Tod endet diese Signatur plötzlich und endgültig. Die Person verschwindet einfach und die Tatsache, dass ein Körper da liegt, wird von den Nachtrufer-Gehirnen nicht zu der Erkenntnis verarbeitet, dass das der Verstorbene ist. Es führt nur zu einer leichten Verwirrung und dem schnellen Zurücklassen des toten Körpers.

 

Diese verwirrende Verhaltensweise, die  Unfähigkeit den Tod wahrzunehmen und zu verstehen und der nicht vorhandene Umgang mit den Toten war vielleicht Ursprung für die Theorie der Cojocalawpeh, dass die Spätmenschen Erscheinungsformen Unbeständiger sind, die Fehler aufwiesen und die sie wegen dieser Beschränktheit von sich gewiesen haben.

 

Der irritierende Effekt dieses Todesunverständnisses ist, dass Nachtrufer davon ausgehen, immer in größeren Gruppen unterwegs zu sein als dass dies tatsächlich der Fall ist. Die Toten begleiten sie praktisch noch gerade eben außer Sicht.

 

Tatsächlich ist eine Nachtrufergruppe zwischen fünf und zwanzig Individuen groß und zieht die meiste Zeit gemeinsam durch die äquatorialen Regenwälder Achurcas. Jede Nacht bauen sie sich neue Schlafgelegenheiten im Unterholz, die leichteren Weibchen und Kinder zuweilen auch auf Bäumen. Es herrscht ein enger Zusammenhalt in der Gruppe, die Kinder werden von allen gemeinsam aufgezogen, das rein vegetarische Essen wird gemeinsam gesammelt und eingenommen.

 

Jede Gruppe kennt einen Anführer, meist das kräftigste Männchen. Dieses hat auch die alleinige Vollmacht, sich mit Weibchen zu paaren - und unterbindet Versuche von anderen Männchen, auch eigenen Söhnen, rigoros. Das heißt, man muss als Nachtrufermännchen entweder einen Gruppenanführer herausfordern und besiegen, gutes Timing und Glück besitzen oder sich mit anderen zusammentun.

 

In der sogenannten Brunstzeit, die an den unregelmäßigen Fortpflanzungszyklus ihres Hauptfutterbaumes gebunden ist, steigt der Sexualdrang der Nachtrufer weit über das normale Maß. In dieser Zeit trennen sich junge Männchen oft von ihrer Gruppe und streifen zunächst alleine umher, um sich dann mit Gleichaltrigen in Gruppen zusammenzutun.

 

Diese Banden überfallen dann oft reguläre Gruppen, die meist nur noch ihr Leitmännchen besitzen, verdrängen dieses durch zahlenmäßige Überlegenheit und paaren sich dann mit den Weibchen. Dieses für die Cojocalawpeh tierisch und brutal anmutende Verhalten sorgt jedoch immerhin für eine regelmäßige Durchmischung des Genpools, vor allem weil die Männchen danach oftmals nicht in ihre ursprüngliche  Gruppe zurückkehren und sich einer anderen anschließen.