Rezension Nr. 1: Invincible Iron Man - The Five Nightmares, World's Most Wanted und Stark Disassembled

Starten wir die Rezensionen mit etwas, das lang werden wird und direkt verrät, welch ein kleiner NERD ich sein kann.

 

Seit etwas über 10 Jahren mittlerweile sammle ich Comics - um sie zu lesen. Keines meiner oft zerblätterten und überallhin mitgenommenen Exemplare hätte irgend einen Verkaufswert. Als ob ich sie verkaufen würde! Tatsächlich habe ich bislang wenn dann nur Comics verschenkt. Oder verliehen und nie zurück bekommen.

 

So geschehen auch mit ein paar Bänden der X-Men, die von Salvador Larrocca gezeichnet waren. Die kraftvollen Bilder mit ihren zwar überzeichneten, aber eleganten Figuren und der immensen Tiefenwirkung bei Landschaften und Räumen hatten mich schwer beeindruckt und ich drückte sie nach der angemessenen fünffachen Leserei einer Freundin in die Hände, die selbst Comics zeichnete.

 

Sie hat sie heute noch.

 

Aber Larroccas Zeichnungen habe ich nicht vergessen, immer wenn ich noch ein Bändchen in der Sammlung finde, das von ihm stammt, ärgere ich mich aufs Neue. Und dann stellte ich fest, dass die neue Iron Man Serie von niemand anderem gezeichnet wird als Larrocca. Eine Freude! Leider leiden seine ansonsten doch ausdrucksstarken Gesichter unter der kuriosen Methode, mit der sie nachbearbeitet wurden: Stabilo-ähnliche Linienführung begräbt Schraffur, speckglänzende Colorierung lässt alle Personen kränklich wirken. Aber dennoch: wer etwas über extreme Posen und extremes Posing lernen will, der ist hier gut aufgehoben, denn Larrocca stellt seine Figuren an die exponiertesten Orte mit den schwierigsten Winkeln - und es funktioniert und sieht großartig aus. Allein Schattenrisse der Personen wären oftmals aussagekräftiger und schöner als voll ausgearbeitete Werke anderer Comickünstler.

 

Zu diesem mir also über Jahre im Kopf gebliebenen Künstler gesellt sich bei der Serie Autor Matt Fraction, zu dem ich neulichst das Epitheton 'Matt Fraction - stands for action' fand. Wie passend. Aber Fraction - ein Name so cool dass er nur selbstgewählt sein kann, was er auch ist - schreibt nicht nur Action, er nimmt sich auch Zeit für seine Charaktere und den langsamen Aufbau der Handlung. Die Ausgewogenheit von beidem ist eine große Stärke der neuen Iron Man Serie und soll bitte beibehalten werden.

 

Doch nun zum Inhalt: Tony Stark - Anthony Edward Stark um penibel zu sein - ist Finanzier der Superhelden 'The Avengers', Leiter eines Multimilliarden-Konzerns, Ex-Alkoholiker, arrogantes Arschloch und nicht zuletzt ein Superheld. Die Welt rings um ihn ist in letzter Zeit öfters erschüttert worden und auch während die Serie läuft bricht sie Stückchen für Stückchen zusammen. Ausgangspunkt ist das Ende des sogenannten Civil War, indem die gesamte Heldenrige der USA aus dem Streit um ein Registrierungsgesetz für Superwesen einen echten Krieg gemacht hat. Verteidiger der klassischen Geheimidentität zum Schutz vor Überschurken und für die allgemeine romantische Verwirrung am Arbeitsplatz war niemand anders als der altmodisch gewandete Supersoldat Captain America - und für das Gesetz traten die Gehirne unter den Helden an, Reed Richards von den Fantastischen Vier (die in Latexanzügen, nicht die, die rappen) und als Leitfigur Tony Stark.

 

Das Ende des Krieges macht ihn zum Leiter der amerikanisch geleiteten Anti-Terror-Organisation SHIELD und alles ist gut, auch wenn sein bester Freund erst gegen ihn Krieg geführt hat und dann erschossen wurde. das hält doch einen Eisenmann nicht auf... Was könnte Stark - reich, mächtig und aalglatt - schon zu Fall bringen?

 

Matt Fraction. Der Autor nimmt die erst in letzter Zeit wieder mit einem Profil versehene Figur - Dank gebührt hier Robert Downey jr. und Jon Favreau - und knippst Stück für Stück ihr Umfeld ab. The Five Nightmares räumt mit der finanziellen Macht auf, World's Most Wanted mit der Position bei Shield und der Rolle als Held. Auffällig ist hier, dass keine der üblichen Bösewichter bemüht werden bzw. nur Nebenrollen tragen. Fraction räumt mit den ganzen alten, auch überalteten Antagonisten auf: der eine landet kurzerhand zu Bach gespielt von Glenn Gould in der Umlaufbahn, ein anderer scheitert an der Sturheit einer einzelnen Frau und begegnet dem Titelhelden nicht einmal. Statt dessen sind es Varianten seiner selbst, die Stark heimsuchen.

 

Zunächst Zebediah Stane, Sohn eines schon lange verblichenen Gegners. Die damalige Storyline, Demon in a Bottle, war schon eine Reise zur Selbstzerstörung und besaß mit Obadiah Stane einen Gegner, der durch Gerissenheit und nicht durch magische Ringe, hypnotische Gedankenkontrolle oder ähnliches vorging. Nur naheliegend, dass er auch hier Pate stand. Zebediah ist Terrorist, Ungleicher Krieg 2.0 und verwendet die Technologie Starks gegen ihn selbst.

 

In World's Most Wanted ist es schließlich Norman Osborn, der den Eisenmann um die ganze Welt verfolgt. Im weiteren Blickfeld der Marvel-Welt ist er auch der Antagonist für alle Heldenfiguren, ein boshafter Größenwahnsinniger, der als Gärtnerbock zum neuen Leiter der Anti-Terror-Großeinheit geworden ist.

 

Beide Storylines sind actionreich, haben im wahrsten Sinne des Wortes bombastische Bilder, sie erhalten jedoch aus unterschiedlichen Quellen ihre Spannung. Nightmares ist eine Erzählung über einen Gegner, der dem Helden nicht wirklich gewachsen ist. Angsteinflößend, ja, gefährlich auch und vor allem für die Massen an Menschen, die ihm beiläufig und bedeutungslos zum Opfer fallen. Aber dennoch hat er die schwächere Position, ist er der Terrorist und Tony Stark der von einer Regierung gestützte, immens reiche und technisch überlegene Held.

 

World's Most Wanted verkehrt die Situation. Stark hat Osborn bei der Übergabe seines Amtes nur zwei Dinge vorenthalten: den Kern seiner Technologie, nämlich die 'Repulsoren' (Technobabble, einfach als Fakt nehmen) und die Datenbank, um die ein Krieg gefochten wurde. Die Liste aller Superhelden-Geheimidentitäten. Ihre einzige Kopie befindet sich nun an einem regelmäßig gefährdeten Ort, nämlich in Starks Hirn. Wortwörtlich.

 

In einer vorangehenden, anderen Storyline nämlich hat der Iron Man seine Biologie technisch aufbessern lassen durch einen Nanovirus namens Extremis. Für eine Weile  hat dieses System in ihm auch noch gelebt und eine Schnittstelle zu praktisch allem, das irgendwie Daten übermitteln und empfangen kann, gebildet. Die Umbauten an seiner Biologie allerdings bleiben und dazu gehört, dass sein Gehirn wie eine Festplatte funktioniert und sogar Anschlüsse hat. Einzige Möglichkeit, auf Dauer die Daten vor Osborn zu schützen, ist sie zu löschen. Ein Gehirn zu löschen.

 

Eine Kugel im Kopf erscheint Stark da nicht sicher genug - unverletzte Teile des Gehirns könnten noch verwendet werden, aber auch andere, radikalere Methoden lehnt er ab. Statt dessen will er die Festplatte in seinem Kopf leeren, die Daten unwiderbringlich löschen. Das heißt erstens, dass er dazu die Energiequellen braucht, die nur noch in seinen Rüstungen eingebaut existieren, und zweitens, dass er auch alles andere löscht.

 

Most Wanted hat also einen Helden, der in jeder Hinsicht unterlegen scheint. Mit einem zunehmend weniger leistungsfähigen Geist, ständig auf der Flucht und verfolgt von allem, was sich das Geld für seinen Kopf holen will, kann Stark nur auf zwei Freunde zählen: seine ehemalige Vizekommandantin bei SHIELD, Maria Hill, und seine ehemalige Sekretärin Pepper Potts. Ein seltsames Team.

 

Aber Fraction schafft den beiden Damen ihre eigenen Erzählungen, ihre eigene Art zu reifen und zu verzweifeln und irgendwie weiterzumachen. Die drei so entstehenden Handlungsstränge werden immer wieder durch übergreifende Textzeilen, parallele Handlungen und ähnliche Bilder verknüpft und erklären sich in ihrer gesamten Bedeutung erst in Stark Disassembled.

 

Disassembled ist eine klassische Wiederauferstehung. Genügend Helden wurden schon mehrfch begraben und kamen trotzdem wieder - bei Personen wie Jean 'Phoenix' Grey von den X-Men war das regelrecht ein Running Gag. Hier geht es jedoch um jemanden, der nur geistig tot ist und um die Frage: will man ihn überhaupt wieder?

 

Auch hier wird parallel erzählt - die Reise von Stark durch die fragilen Reste seines Verstandes sowie die Bemühungen von Freunden und Verbündeten, ihn zurückzuholen, die schon in den Ausgaben zuvor eingeleitet wurden.

 

Bei den internen Traumsequenzen kann Larrocca zeigen, was er kann. Wenn Fraction eine Armee von Toten in Blut ertrinken lässt, dann setzt Larrocca das so bildgewaltig und bedrückend um, dass ich die Seiten immer wieder aufschlagen könnte, um es mir anzusehen.

 

Das war schwer genug, ohne zu schlimm zu spoilern und deswegen gibt es jetzt nur noch Details im Rahmen von den Dingen, die mir die Bände extrem lesenswert gemacht haben.

 

Humor - Fraction behandelt seine Figuren als Menschen und die haben ihre unwürdigen Momente, ihre Albernheiten und ihre schwächlichen Versuche, Verzweiflung in Lachen umzuwandeln. Nicht jeder muss sich hier bierernst nehmen. Im direkten Vergleich zu der zunächst parallel laufenden Serie Director of Shield fällt der Unterschied extrem auf. Dort kann man nämlich kein einziges Mal schmunzeln.

 

Der unperfekte Held - Stark ist nicht das, was man von einem Helden klassischerweise erarten würde. Moralische Überlegenheit gilt für ihn nur am Arbeitsplatz und im Geschäft; privat ist er ein Schwerenöter, plagt seine Sekretärin und das gesamte Umfeld mit seiner Arroganz und Eigensinnigkeit und bildet sich extrem viel auf sein Können und Wissen ein. Das Unperfekte verleiht dem Charakter aber auch die Fähigkeit, ernsthaft mit Fehlern und Vergangenheit zu hadern und bei Entscheidungen nicht automatisch den Heldenknopf zu drücken. Weit interessanter zu beobachten als eine glatte Superheldenroutine.

 

Die Damenwelt - Pepper Potts und Maria Hill. Zwei Frauen, die auf den ersten Blick so unterschiedlich sind, wie es nur geht. Die eine ihr Leben lang Soldat, tough, schnell mit der Waffe und hart im Nehmen. Die andere Sekretärin in Kostümchen und High Heels, deren Job es ist, einen schwierigen Chef von Termin zu Termin zu scheuchen. Aber beide haben eines gemeinsam: sie sind stur, sie sind zäh und sie geben nicht auf. Ich habe es genossen, zwei voll bekleideten (!) eigentlich Nicht-Hauptfiguren-Frauen zuzusehen, wie sie sich hartnäckig durch eine wahnsinnig werdende Welt kämpfen und für die vage Hoffnung auf eine etwas bessere Zukunft wahnsinnige Unternehmungen starten. Zwei solchen Charakteren so wichtige Rollen und soviel Erzählzeit zuzugestehen ist eine schöne und erfrischende Geste. Selbst die Stutenbissigkeit zwischen den beiden, die doch zu ihrer eigenen Überraschung jeweils etwas für ihren Chef übrig haben, ist nicht überzogen zickig oder unangenehm und bei dem Moment, wo beiden diese Tatsache klar wird, habe ich sogar laut gelacht.

 

Danke, Mr Fraction, dass sie einer oberflächlichen Hintergrundfigur wie Maria Hill eine Persönlichkeit gegeben haben. Danke, dass sie Pepper zu einer Heldin gemacht haben. Als Frau und dennoch Comicnerd fühle ich mich für endlose Jahre knapp bekleideter Busenwunder und Abziehbildchen belohnt.

 

Bitte mehr davon.

 

(Und das wird es geben... Sobald Stark Resilient im Sammelband zu haben ist!)